Vom Arzt zum Leistungserbringer

Aktualisiert: 23. Nov 2020

Wenn ich auf die letzten 30 Jahre meiner Tätigkeit als Hausarzt zurückblicke, dann stelle ich einen entscheidenden Unterschied fest. Ich begann die Praxis als Arzt und verliess sie als „Leistungserbringer“. In den ersten Jahren hatte ich keine Vorschriften zum Zeitaufwand für einen Patienten. Ich konnte selbst die Behandlung gestalten, konnte selbst Hand anlegen, wenn ich es mir zutraute. Oder man gestaltete nach Rücksprache mit Kollegen den Behandlungs- und Abklärungsplan. Man verhandelte damals mit den Krankenkassen um den kantonalen Tarif. Man war sich gegenseitig bekannt und verhandelte fair und gelegentlich hart bis beide Seiten zustimmen konnten. Im Zentrum stand der kranke Mensch, der behandelt werden musste und man nahm sich die Zeit, die nötig war und dem Patienten diente. Man näherte sich mit Hilfe der Abklärungen, dem Verlauf und den Gesprächen mit dem Patienten über sein Befinden der möglichen Diagnose. Häufig war die Genesung rascher als die vorgesehenen weiteren Abklärungen und die Situation entspannte sich. Im andern Fall wurden häufig unter Abwägung der anfallenden Kosten die weiteren Untersuchungen veranlasst. Hohe Kosten hinterliessen oft ein schlechtes Gefühl. Man war sich gewohnt, mit Unsicherheiten und Unbestimmtem zu leben.

In der modernen Medizin ist die Bewertung des Arztes reduziert auf die Erfassung des Zeitbedarfs, auf die Optimierung der Abläufe und die optimale Statistik seiner ausgelösten Kosten. Die Arztpraxis wird bewertet wie ein Produktionsbetrieb. Doch wer ist eigentlich das Produkt? Wohl nicht der Patient? In der Medizin sind immer Menschen involviert. Dies ist der Reiz der ärztlichen Tätigkeit: Das sich Auseinandersetzen mit den Unwägbarkeiten, mit den aufgetretenen Ängsten und Bedenken, mit dem Vertrauen schaffen oder mit dem Begleiten in einem Krankheitsverlauf, der nicht immer beherrschbar ist. Linderung schaffen, wenn Heilung nicht möglich ist oder betreuen, wenn sich der drohende Tod nähert. All dies sind Situationen, die in einem Prozessoptimierungs- Schema keinen Platz finden. Wie soll in diesen Fällen die Leistung optimiert werden? Das Engagement für den Patienten mit seinen wechselnden individuellen Problemen, die sich immer wieder neu gestalten können, ist die eigentliche Aufgabe des Hausarztes. Da helfen „Guidelines“ nur bedingt und umso weniger, je komplexer die Krankengeschichte ist. Für jede einzelne Diagnose lässt sich ein Behandlungsplan erstellen, aber aus einer Vielzahl von Diagnosen eine sinnvolle Behandlung auszuwählen, wird schwierig. Da helfen Erfahrung, Empathie oder ein Gespräch, sowie ganzheitliches Denken bei Suche nach dem weiteren Vorgehen. Und wer bewertet mit „Controlling“, ob der „Leistungserbringer“ optimal gearbeitet hat?

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