kleingeschriebener trost für den jungen kollegen dr. sauer

kann es sein, mein freund, dass du dich zu wichtig nimmst? gut, es ist zuzugeben, dass du unter einem stern geboren wurdest, der dich arzt werden liess, aber daraus eine unerträgliche last zu machen, ist wohl doch etwas übertieben, oder?

heute zum beispiel sitzt gegenüber dir frau Süss mit zu viel zucker, zu viel gewicht, zu viel blutdruck und der grosse, unsichtbare regisseur hat die rollen längst verteilt. da gibt es keine widerrede. die person Süss ist von gemütlichem charakter und will noch etwas von ihrem siebzigjährigem leben. du aber, in deiner rolle als dr. sauer, sollst gefällig aufpassen, dass es dir nicht zu gutgeht gegenüber dieses wandelnden vorwurfs. bist du nicht ein versager? eigentlich läuft bei ihr alles schief, vom zucker und gewicht über die niere bis zu der arthrose. weit weg ist jegliche motivation für die geringste veränderung. ihren ehemann kann frau Süss vergessen. er geht fischen oder einen jass klopfen. da bleibt der kaffee mit den freundinnen im einkaufszentrum der tägliche höhepunkt.


wenn du deine kleine apotheke vor deinem inneren auge vorbeiziehen lässt und sie vergleichst mit den regalen eines supermarktes, ist das wohl die beste metapher für die ungleiche verteilung von kräften im kleinen universum dieses plumpen meteoriten, den es dir alle drei monate in die praxis hereinschneit.


was sind schon deine gutgemeinten kleinen reden und ermahnungen gegenüber der von einkaufsmusik unterlegten, sonoren stimme aus den lautsprechern des kaufhauses? eine stimme, die deine patientin mit all den anderen lemmingen ins süsse und fette verderben lockt. was können denn deine paar tablettchen gegen das an diesem tag unglaublich günstige angebot eines stücks schwarzwäldertorte mitsamt cappuccino — und dies alles für fünf vierzig?


Ja, mein herr, das sind so die gedanken, die dir klarmachen sollten, welch bescheidene rolle du im leben von gewissen leuten spielst. aber es soll dir auch bewusst werden, dass die rolle, die dir unser komplexes humansystem zuordnet, nicht frei ist von etwas komödiantischem. mit dieser erkenntnis wird das überleben als arzt leichter. nimm dir die last von deiner schulter, junger mann. tu deine Pflicht, aber übertreibe nicht. mach dir keine vorwürfe für etwas, das nicht auf deinem mist gewachsen ist. denn die verlidlung und aldisierung der schweiz ist wesentlich wirksamer als die paar aktiönchen der stiftung herz, und kein professor und kein chef des bag haben eine so grosse wirkung wie die chefs von migros und coop. wenn wir also noch mehr kalorien kriegenfür noch weniger Geld- oder anders gesagt: die doppelte menge halbrahm zum aktionspreis statt die halbe menge vollrahm zum normalen preis …


dann also einmal kurz zum anfang zurück und mit frau süss einen guten schwatz abhalten.

echt empathisch, verständnisvoll und vor allem sei mit dir selber lieb. lass das schlechte chefarztimhinterkopfgefühl draussen. denn weltraumphilosophisch auf abstand gehend fühlst du, wie die lastende schwere von deinen schultern weicht, wie sie an gewicht verliert und zwei fröhliche menschen zurücklässt mit folgendem abkommen: sie lässt dir dein mountainbike und du lässt ihr die schwarzwäldertorte.


Der Artikel ist ursprünglich erschienen in PrimaryCare, Ausgabe 11, 2011

90 Ansichten

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Vom Arzt zum Leistungserbringer

Wenn ich auf die letzten 30 Jahre meiner Tätigkeit als Hausarzt zurückblicke, dann stelle ich einen entscheidenden Unterschied fest. Ich begann die Praxis als Arzt und verliess sie als „Leistungserbri

Entstehungsgeschichte PraxisPro

Im Jahre 2014 kam der Treuhänder Jean-Pierre Ceccon auf Dr. Stephan Gerosa zu mit der Feststellung, dass es schon wieder zur Auflösung einer gut gehenden Arztpraxis im Baselbiet gekommen ist, weil kei