Es lebe der Generalist

Aktualisiert: 27. Nov 2020

Auf diesen Titel eines Buches bin ich neulich gestossen und habe mich angesprochen gefühlt. Ich erinnere mich an ein Inserat in unserer Ärztezeitung, das vor Jahren erschien und bei einem meiner Kollegen, ebenfalls als Allgemeinpraktiker tätig, eine empörte Reaktion auslöste. Es war eine Abbildung eines Essinstrumentes mit Gabel, Löffel und Messer an demselben Griff vereint und daneben diese drei Utensilien separat dargestellt. Dies war die Werbung einer Versicherung, indirekt einer unserer Arbeitgeber, denn diese bezahlen bekanntlich unsere Arbeit. Der Titel darunter: Spezialisten können mehr als Alleskönner.

Ich dachte damals, dass mein Kollege vielleicht etwas zu empfindlich reagierte, schliesslich sind auch wir auf Spezialisten angewiesen.

Das Buch vermittelt aber einige interessante Erkenntnisse: So ist es nicht in jedem Fall hilfreich, wenn Spezialisten alleine entscheiden. Je klarer die Regeln und Muster sind, die der Entscheidungsfindung zugrunde liegen, desto eher ist der Spezialist der Lösung näher. Je grösser die Undurchschaubarkeit ist, desto mehr ist die Flexibilität und Kreativität des Generalisten gefragt. In der Allgemeinpraxis begegnen uns Patientinnen und Patienten mit verschiedensten Krankheiten. Im Alter häufen sich mehrere Leiden bei demselben Patienten. Dies führt zu komplizierten Entscheidungen und Gewichtungen. Die Erfahrungen aus früheren Reaktionen auf eine Therapie, das Wissen, wie ein Patient seine Krankheit erlebt und verarbeitet, sein Vertrauen in die Medizin, seine Einstellung zum Leben und zum Tod machen eine Entscheidungsfindung komplex.

Ich wurde als älterer Kollege zu Beginn der Covid-19 Infektionen und des Lockdowns von einer verunsicherten jungen Ärztin mit einer Allgemeinpraxis angefragt und beriet sie bezüglich der Massnahmen in ihrer Praxis und den möglichen Verlauf der Epidemie. Inhaltlich war Vieles richtig und hat sich bis jetzt bestätigt, obwohl ich kein Virus- und Epidemie-Spezialist bin. Ich konnte offenbar die wenigen Kenntnisse, die damals zur Verfügung standen in meine lange Erfahrung als Allgemeinmediziner integrieren.

Umgekehrt hat man Prognosen von absoluten Spezialisten 20 Jahre danach untersucht und herausgefunden, dass sogenannt «absolut unmögliche « Ereignisse in 15 % trotzdem eintrafen und Dinge, denen ein 100% Wahrscheinlichkeit vorausgesagt wurde, in einem Viertel der Fälle ausblieb.

Ein Psychologe hat Persönlichkeiten von Nobelpreisträger analysiert und mit anderen Wissenschaftlern verglichen und herausgefunden, dass diese sich 22-mal häufiger nebenbei als Tänzer, Magier, Schauspieler und Performance- Künstler betätigten. Interessanterweise sind in der Hausarztpraxis, in welcher ich zuletzt gearbeitet habe, praktisch alle Ärztinnen und Ärzte in einer dieser Tätigkeiten nebenberuflich aktiv. Welch gute Aussichten für die Allgemeinmedizin!

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