Ein Tabuthema

Aktualisiert: 27. Nov 2020

In einem früheren Ratgeber habe ich meine Gedanken zur Lebenserwartung in der westlichen Welt geäussert und dabei meine Überzeugung dargestellt, warum ich nicht daran glaube, dass wir in Zukunft immer älter werden. Die Gründe für diesen Schluss habe ich damals geschildert. Wieso hören wir so gerne, dass die Medizin uns ein immer längeres Leben verspricht? Wir wissen ja eigentlich, dass wir trotzdem einmal sterben werden. Es ist aber angenehmer, wenn das Thema Sterben und Tod möglichst lange hinausgeschoben werden kann.

Als Hausarzt kommt man berufsmässig mit dem Sterben in Kontakt. Es ist jeweils eine intensive Zeit. Die medizinische Behandlung steht nicht mehr im Vordergrund. Es wird gelindert, so gut es möglich ist, Therapien können reduziert werden oder machen keinen Sinn mehr. Was jetzt zum Tragen kommt, sind die Bindungen an Angehörige, an die medizinische Betreuung, Halt im Glauben oder an der eigenen Weltanschauung. Dazu sind aber Vorkenntnisse notwendig, welche vor allem im gegenseitigen Austausch erworben werden. Dazu muss zu einem genügend frühen Zeitpunkt ein Gespräch stattfinden zwischen

Lebenspartner, Nachkommen oder medizinischen Betreuern und Menschen, die beim Sterben dabei sein werden.

Wir Ärztinnen und Ärzte werden in unserer Ausbildung sehr wenig auf diese Situationen vorbereitet. Es ist auch dort ein Tabuthema, wie es scheint und wir werden auf Abklärungen,

Therapien und Verbesserung der Gesundheit hin erzogen. Das Sterben wird als ein

Versagen der Medizin angesehen. Solange sich jemand gesund fühlt, hat man keinen Grund, über das leidige Thema Tod und Sterben zu sprechen. Auch wir Ärzte machen gerne einen Bogen darum. Nicht wenige Leute scheuen sich, eine Patientenverfügung auszufüllen, denn dabei muss man sich grundsätzlich bereits Gedanken machen, was geschehen soll, wenn man sich nicht mehr zu einer Behandlung äussern kann. Obwohl sie in Wirklichkeit selten zum Tragen kommt, ist der Umstand, in welcher die Patientenverfügung wirksam wird, die fehlende Urteilsfähigkeit des Betroffenen. In dieser Situation stehen auch oft der mögliche Tod oder das Sterben im Raum. Deshalb ist es unangenehm, darüber zu reden und sich damit auseinanderzusetzen.

Aus meiner Erfahrung ist es aber oft eine Erleichterung, sowohl für den betroffenen

Menschen selbst, als auch für die Angehörigen, wenn diese Auseinandersetzung mit dem

Sterben und dem Tod stattgefunden hat.

Es wird heute zunehmend von Palliativmedizin geredet und diese Disziplin hat sich wirklich enorm entwickelt. Bei ihr spielen die medizinischen Massnahmen eine untergeordnete Rolle.

Es geht mehr um die empathische, menschliche und pflegerische Betreuung des Sterbenden. Die Betreuung wird besprochen, notwendige medizinische Massnahmen werden definiert und dabei ist es eben wichtig, wie viel man vom Sterbenden weiss und was er sich gewünscht hat, wenn man nicht mehr mit ihm sprechen kann oder sein Bewusstsein getrübt ist. Je mehr davon bekannt ist, desto ruhiger und stressfreier verläuft der Sterbeprozess. Aufrichtigkeit und gemeinsame Erlebnisse, selbst Freude sind in dieser

Phase trotz der widrigen Umstände möglich und vom Menschlichen her sehr befriedigend. Für etliche Menschen, sowohl für Freunde, Angehörige und auch die medizinisch betreuenden Personen kann das Sterben in guter Erinnerung bleiben. Ich erinnere mich an etliche eindrückliche Erlebnisse rund ums Sterben und möchte diese nicht missen. Damit hat der Arzt aber auch die Gelegenheit, sich mit seiner eigenen Endlichkeit

auseinanderzusetzen. Ob dies dann wirklich ein Vorteil sein wird, wird sich zeigen. Oder es wird mir wie demjenigen ergehen, der sagte: „ Ich habe keine Angst vor dem Sterben, aber ich möchte nur nicht dabei sein.“


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